Ferne Nähe und vertraute Fremdheit
aus die Rheinpfalz vom 03.11.03 von Heike Marx
Fliegende Fische sind im Meer daheim. „In der dünnen Luft“ zu Lande können sie nicht leben und trotzdem springen sie für einen Moment in den Himmel. Wenn Menschen das versuchen, pflegen sie abzustürzen. Immer wieder wagen sie den Sprung in die Sehnsucht und enden mit einer Bauchlandung. Das ist das Thema oder vielmehr die Grundstimmung der neuen Produktion „Fliegende Fische“ von theater oliv in Mannheim. Und weil kein anderes Medium eine Stimmung so intensiv zeichnet wie die Musik, ist es ein Liederabend.
Anja Pawelke und Boris Ben Siegel haben unter professioneller Anleitung trainiert. So sind einige Nummern hitmäßig stark geworden. Die Musikerin Gudrun Eymann steuert dazu nicht nur das Akkordeon bei. Auch am schauspielerischen Grünzeug ist sie beteiligt, das zwischen den Gesangsnummern mit spitzer Zunge eingestreut wird. Das sind Zitate von der Bibel über Schopenhauer bis George W. Bush, Regenbogenpresse-Berichte, Sex-Statistiken.
Viel Platz ist nicht auf dem kleinen Podest, hautnah bewegen sich die Drei, Gudrun in Jeans, Anja im grünen China-Kasak, Boris in T-Shirt und Zimmermannshose, um einen Tisch aus einem Brett auf zwei Böcken. Mal hält Anja ein Blümchen in der Hand, mal kuschelt Boris mit einem Entchen, Gudrun braucht nichts, denn sie hat mit ihrem Akkordeon zu tun. Boris und Anja wühlen in Zeitungen und Zeitschriften. Sie singen und reden über dies und das, fast über alles. Doch was thematisch in die Breite läuft – Freiheit und Enge, Liebe und Sex, Politik und Anarchie, Monotonie und Ausbruch, Geschichten und Sehnsuchtslyrik – bündelt sich im Mainstream zweier Gefühle. Für den elegischen Ton ist Boris Ben Siegel zuständig, für melodramatische Expressivität Anja. Der breitschultrige Marlboro-Typ zeigt sich überraschend sanft und besinnlich, die „kleine Frau“, so wird sie in einem Lied genannt, volltönend und heftig.
Wir kennen das Feeling, das sich hier artikuliert, und wir kennen es auch nicht: Fremdheit, die vertraut, Nähe, die fern ist. Wer sollte da nicht verwirrt sein; und fasziniert zugleich. So wird es den Theatermachern von oliv wohl auch gegangen sein. Dass sie in technischer Hinsicht Neuland betraten – es ist ein Liederabend mit einem Hauch Kabarett geworden – ist dabei noch das Geringste. Was sie in den hiesigen westlichsten Westen bringen, ist Ost pur. Daher ist wohl alles auch so zweigeteilt: dialektisch eben. Die Texte sind von Tamara Danz, Rocksängerin von „Silly“, vom Liedermacher Gerhard Gundermann, von Werner Karma und René Volkmann; vertont wurden sie von Gundermann und den Silly-Musikern Rüdiger Barton und Uwe Hassbecker.
Endlich einmal wieder junge eingängige deutsche Texte für deutsche Gefühle, und mit literarischem Anspruch. Dass der einerseits an das literarische Kabarett anknüpft und andererseits so aus dem Vollen heraus emphatisch sein kann, erscheint manchem Wessi vielleicht uncool. So wird der Abend zur Ost-West-Begegnung, aus der sich jeder seine eigenen Gedanken mitnehmen kann.
